Jede Entscheidung, ob in der Klasse oder im Bundeshaus, lässt sich aus drei Blickwinkeln anschauen. Wer sie kennt, sieht mehr als nur das Ergebnis.
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die drei Blickwinkel Regeln (Polity), Inhalt (Policy) und Prozess (Politics) unterscheiden
bei einer Entscheidung aus deinem Alltag erkennen, wer Einfluss hatte und warum
dieselben Fragen auf eine echte Abstimmung anwenden
Ein Spiel für die letzte Stunde
Deine Klasse darf in der letzten Stunde vor den Ferien ein Spiel auswählen. Das klingt einfach, aber schon hier stecken drei verschiedene Fragen drin. In der Politikwissenschaft heissen sie Polity, Policy und Politics.
Blickwinkel 1
Die Regeln
Fachbegriff: Polity
Wer darf mitentscheiden, und nach welchem Verfahren?
Beim Spiel: Stimmt die Klasse ab? Entscheidet die Lehrperson? Wird gelost? Reicht die Mehrheit, oder müssen alle einverstanden sein?
In der Schweiz: Verfassung, Gesetze und Verfahren, zum Beispiel wer stimmberechtigt ist und wann es neben dem Volksmehr auch das Ständemehr braucht.
Blickwinkel 2
Der Inhalt
Fachbegriff: Policy
Worum geht es, und welches Problem soll gelöst werden?
Beim Spiel: Welche Spiele stehen zur Wahl? Was spricht für welches: Spass, Dauer, ob alle mitmachen können?
In der Schweiz: Was in einer Vorlage steht und was sich bei einem Ja oder Nein ändert, etwa bei der AHV, beim Klima oder bei den Steuern.
Blickwinkel 3
Der Prozess
Fachbegriff: Politics
Wer setzt sich durch, mit welchen Mitteln, und wer bleibt aussen vor?
Beim Spiel: Wer schlägt das erste Spiel vor? Wer überzeugt die anderen, wer ist am lautesten, wer gibt nach? Wer traut sich nicht, etwas zu sagen?
In der Schweiz: Wer eine Vorlage anstösst, wer Kampagne macht und mit wie viel Geld, welche Verbände sich einmischen und wer kaum gehört wird.
Im Unterricht und in den Medien geht es oft um die ersten beiden Blickwinkel. Der dritte ist schwieriger zu sehen, aber er erklärt häufig, warum etwas so entschieden wird und nicht anders.
Woher kommt Einfluss?
Wer bei einer Entscheidung viel Einfluss hat, hat meistens etwas, das andere nicht haben. Diese sieben Quellen von Einfluss tauchen in der Klasse genauso auf wie in der Bundespolitik.
Quelle
In der Klasse
In der Politik
Stimmen und Mehrheiten
Die grösste Gruppe von Freundinnen und Freunden stimmt gleich ab.
Die Fraktionen mit den meisten Sitzen im Parlament, die Mehrheit an der Urne.
Zuständigkeit
Die Lehrperson darf am Schluss entscheiden.
Der Bundesrat setzt Gesetze um, die Kantone sind für Schulen zuständig.
Wissen
Jemand kennt die Spielregeln als Einziger genau.
Verwaltung und Fachverbände wissen oft mehr als die Ratsmitglieder.
Organisation
Eine Gruppe hat sich in der Pause schon abgesprochen.
Parteien, Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände bündeln viele Stimmen.
Geld
Wer das Material mitbringt, bestimmt mit.
Kampagnen mit viel Geld sind auf mehr Plakaten und Bildschirmen zu sehen.
Aufmerksamkeit
Wer laut ist und gute Sprüche hat, wird gehört.
Medienberichte und Beiträge in sozialen Medien bestimmen, worüber gesprochen wird.
Bündnisse und Kompromisse
Zwei Gruppen einigen sich: heute dieses Spiel, nächstes Mal das andere.
Parteien schmieden Allianzen, damit eine Vorlage im Parlament eine Mehrheit findet.
Einfluss ist nicht automatisch schlecht. Eine Demokratie lebt davon, dass Menschen sich organisieren und andere überzeugen. Wichtig ist, dass sichtbar ist, wer wie viel Einfluss nimmt, und dass auch Gruppen ohne Geld und Organisation gehört werden.
Bei dir im Alltag
Allein nachdenken, zu zweit besprechen oder in der Klasse diskutieren:
Wann hat zuletzt jemand etwas für dich entschieden, das dich betrifft? Wer war das, und warum durfte diese Person das?
Denk an eine Gruppenentscheidung, etwa ein Spiel, einen Ausflug oder eine Klassenregel. Welche der sieben Quellen von Einfluss haben eine Rolle gespielt?
Hast du schon einmal erlebt, dass sich eine Minderheit durchgesetzt hat? Wie ist das passiert?
Wessen Meinung wird bei euch oft nicht gehört? Was könnte man daran ändern?
Gibt es eine Regel in deinem Alltag, die du ändern möchtest? Wer müsste zustimmen, und wie würdest du diese Personen überzeugen?
Beispiel: eine Abstimmung durch alle drei Blickwinkel
Am 29. November 2026 stimmt die Schweiz über eine Änderung des Kriegsmaterialgesetzes ab. Hier geht es nicht darum, welche Seite recht hat, sondern darum, wer an dieser Entscheidung beteiligt ist.
Das Parlament hat die Änderung am 19. Dezember 2025 beschlossen, im Nationalrat mit 122 zu 68, im Ständerat mit 31 zu 11 Stimmen.
Gegnerinnen und Gegner sammelten 58'767 gültige Unterschriften, nötig waren 50'000. Darum entscheidet jetzt das Volk. Bei einem fakultativen Referendum reicht das Volksmehr.
Der Inhalt
Das Parlament hat die Regeln für den Export von Kriegsmaterial gelockert, unter anderem damit Schweizer Rüstungsbetriebe konkurrenzfähig bleiben.
Bei einem Ja treten die gelockerten Regeln in Kraft. Bei einem Nein bleiben die bisherigen, strengeren Regeln bestehen.
Der Prozess
Referendum ergriffen haben SP, Grüne, EVP, PdA, die GSoA und verschiedene Hilfswerke.
Für ein Ja sind Bundesrat und Parlament, die Parteien SVP, FDP, Mitte, GLP und EDU sowie Verbände wie economiesuisse, der Arbeitgeberverband, der Gewerbeverband und der Industrieverband Swissmem.
Für ein Nein sind SP, Grüne, EVP und PdA.
Fragen dazu
Welche Gruppen stehen auf welcher Seite? Welche der sieben Quellen von Einfluss haben sie? Was könnten ihre Gründe sein?
Wer ist von der Entscheidung betroffen, darf aber nicht mit abstimmen?
Woher kommt das Geld für die Kampagnen? Kampagnen, die mehr als 50'000 Franken ausgeben, müssen ihre Finanzierung offenlegen. Die Zahlen veröffentlicht die Eidgenössische Finanzkontrolle.
Das Parlament hat klar Ja gesagt. Warum kann eine kleinere Gruppe trotzdem erreichen, dass alle abstimmen? Findest du diese Regel richtig?
Stand der Angaben: 26. Oktober 2026. Quelle: Swissvotes (Année Politique Suisse, Universität Bern).
Teste dich
5 Fragen. Klick auf eine Antwort, dann erscheint die Erklärung. Es wird nichts gespeichert.
«Für eine Änderung der Bundesverfassung braucht es die Mehrheit des Volkes und der Kantone.» Welcher Blickwinkel ist das?
Es geht um das Verfahren, also darum, wie entschieden wird.
«Die Vorlage will die Mehrwertsteuer erhöhen, damit die AHV mehr Geld hat.» Welcher Blickwinkel ist das?
Es geht darum, was entschieden wird und welches Problem gelöst werden soll.
«Ein Wirtschaftsverband bezahlt eine grosse Plakatkampagne.» Welcher Blickwinkel ist das?
Es geht darum, wer mit welchen Mitteln Einfluss auf die Entscheidung nimmt.
«Zwei Parteien einigen sich auf einen Kompromiss, damit im Parlament eine Mehrheit zustande kommt.» Welcher Blickwinkel ist das?
Bündnisse und Kompromisse gehören zum Prozess, in dem sich Mehrheiten bilden.
Eine Gruppe in der Klasse hat sich schon in der Pause auf ein Spiel geeinigt und stimmt geschlossen ab. Welche Quelle von Einfluss nutzt sie?
Wer sich vorher abspricht und gemeinsam auftritt, nutzt Organisation, wie Parteien oder Verbände in der Politik.
Im Unterricht
Die Klasse einigt sich ohne vorgegebenes Verfahren auf ein Spiel, die Lehrperson beobachtet nur. Danach wird die Entscheidung mit den drei Blickwinkeln und der Tabelle «Woher kommt Einfluss?» besprochen. Anschliessend übertragen Gruppen dieselben Fragen auf eine Vorlage aus dem Abstimmungsarchiv. Der erste Teil eignet sich bereits für die Primarstufe.
Beim dritten Blickwinkel geht es um Interessen und Einfluss, nicht um die Bewertung einzelner Akteure. Es hilft, für jede Seite dieselben Fragen zu stellen und Vermutungen über Gründe als Vermutungen zu kennzeichnen.